Kurzgeschichten und Co.
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Kurzgeschichten und Co.
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09-20-2017 07:03 PM
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Kurzgeschichten und Co.



arnadil Offline
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Ich habe keine Ahnung, ob überhaupt noch jemand aus dem deutschsprachigen Raum hier mitliest, aber ich fände es schön, wenn Godslayer und dessen Community mal etwas belebt würde. Daher die Idee, hier ein wenig Flufftexte zu sammeln, die man auch in anderen Foren verbreiten kann oder so. Viele von uns schreiben ja doch ab und zu mal kleine Geschichten, Berichte, Einführungstexte etc.

Ich hatte beispielsweise mal im Kurzgeschichtenwettbewerb im Warhammer Board enie Kurzgeschichte zu Godslayer eingereicht, die damals den dritten Platz gemacht hat. Damit mache ich mal den Anfang und hoffe, dass jemand daran Interesse hat.


Ein guter Tag zu sterben
„Schweigt!“ Die tiefe und sonore Frauenstimme hallte von den marmornen Wänden wider und ihr Zorn ließ die Statuen der alten Helden wie strafende Boten der Asrae erscheinen. Die Orakelpriesterin der Alexandra, Herrin des siegreichen Krieges, hatte sich erhoben und mit theatralischer Geste ihren Arm emporgestreckt. Ihre bebenden Finger zeigten auf den jungen Mann am anderen Ende der Tafel. „Agyion, Sohn des Pandeklos, Eure Worte lästern wider die Götter!“
„Ich beleidige die Asrae nicht, wenn ich ausspreche, was jeder hier weiß, Desdemonia!“ Der junge Feldherr spannte sich in seinem Sessel an und haftete seinen wütenden Blick tief in den roten Federbusch seines Helmes, den er unter den Arm geklemmt hatte. Argwöhnisch ruhten die Augen des gesamten Kriegsrates auf ihm.
„Die Götter haben nicht mehr die Macht früherer Tage“, fuhr er fort, „und wie uns die alten Dichter lehren, beschützen sie nur diejenigen, die sich selbst helfen.“ Für einige fein abgestimmte Herzschläge ließ er seine Worte wirken. „Man erzählt sich sogar, die dunklen Herrscher der Mortaner hätten Aesys geknechtet, unseren obersten Gott und Vater.“ Ein aufgebrachtes Murmeln erfüllte den Raum.
„Genug!“ Xephaiston, König und Heerführer von Darica, ein alter Mann, dem ehedem auf dem Schlachtfeld der Ruf in die ewigen Hallen der Götter versagt gewesen war, erhob sich schwerfällig am Kopfende der Tafel.
„Ich respektiere Eure Worte, junger Kriegsheld. Aber Desdemonia hat Recht: Die Götter sind uns wohlgesonnen und werden uns schützen. Darica ist stark.“
Aufgebracht knallte Agyion den Helm auf den Tisch.
„Ich beschwöre Euch, denkt daran, was in Cephalos passierte! Ich war noch ein Kind, als die Stadt geschleift wurde, aber ich habe die Schrecken nicht vergessen. Es hätte damals verhindert werden können, wenn wir weniger auf die Götter als auf unseren eigenen Mut und unsere Einigkeit vertraut hätten. Wenn wir die mortanischen Legionen ebenso unterschätzen, werden sie uns überrennen.“
„Ihr sprecht mit dem hitzigen Gemüt eines jungen Kriegers, Agyion. Das gefällt mir. Und wir wissen auch vom tragischen Schicksal Eurer Familie. Aber Darica...“, der König ließ sich zurück auf den Stuhl sinken, „...ist nicht Cephalos. Mein Ratschluss steht: Ihr werdet die Mortaner mit zwei Hundertschaften abfangen. Man sagt, Ihr wärt ein fähiger General. Nun könnt ihr es beweisen.“
Der Kopf des jungen Heroen war ihm auf die Brust gesunken. Angestrengt und um Fassung bemüht presste er die Lippen aufeinander und starrte auf das weiße Marmor des Tisches.
„Dann habt ihr das Todesurteil über mich und meine Mannen gesprochen.“ Seine Stimme versagte und leise fügte er hinzu: „Und über unser Königreich.“
Er erhob sich und ergriff den Helm. Die Blicke der noblen Herrschaften lasteten auf seinen Schultern und ließen jeden Schritt schwer werden wie eine schlecht gefertigte Rüstung.
„Wenn dies Euer Wille ist, Männer und Frauen Daricas, so werde ich gehorchen. Doch ich warne Euch: Verlasst Euch nicht auf unseren Sieg!“
Beinahe hatte er das Portal erreicht, das ihm von zwei Kriegern der Heiligen Schar geöffnet wurde, als er sich ein letztes Mal umdrehte: „Eines noch: Ich benötige diplomatischen Kontakt zu den Himmelsreitern von Ephemera. Ich werde ihre Hilfe brauchen...“

Stille lag über über den finstren Wäldern in den Tälern und den schroffen Berghängen. Nur das gleichmäßige Marschieren einer Unzahl beschlagener Stiefel erklang im morgendlichen Nebel. Die Taufrische verwandelte die kalte Luft in ein eisiges Meer, dessen Fluten bis tief unter die Rüstungen drangen. Titus war in den Gleichschritt des Heeres verfallen. Seine Gedanken waren wie betäubt vom steten Auf und Nieder und vom rhythmischen Trommelschlag des Marsches. Die meiste Zeit über ruhten seine Augen teilnahmslos auf dem Rücken seines Vordermannes.
„Was sie wohl verbrochen haben?“ Die Stimme neben ihm weckte Titus aus seinem Trott. Es war ein junger, rothaariger Legionär; kaum achtzehn Winter mochte er zählen. Seine Haut war wettergegerbt und gebräunt, was ihn als Rusticus, als Landbewohner verriet.
Titus blickte ihn fragend an.
„Die Toten meine ich.“, ergänzte der Junge. „Was haben sie wohl in ihrem früheren Leben verbrochen, dass sie nach ihrem Tod erneut für das Imperium in die Schlacht ziehen müssen?“
Titus' Blick fiel auf das Gerippe in der Uniform der mortanischen Legionen, das unweit von ihnen die Flanke sicherte. Sein Totenschädel wirkte ausdruckslos und doch auf eine beunruhigende Weise höhnisch – vielleicht weil sein Gebiss wie ein verzerrtes Lächeln aussah. Der Untote bewegte sich langsam und schwerfällig und doch hielt er mühelos Schritt. Eine Getriebenheit, eine langsame Getriebenheit erfüllte ihn. Das ergab keinen Sinn, doch Titus konnte sich des Gedankens nicht erwehren. Die Zeit schien im Tode nicht mehr die selbe zu sein.
Mit ebenjener Trägheit wandte der untote Legionär ihm den Kopf zu. Ihre Blicke – sofern man die Leere in den Augenhöhlen seines Gegenübers als Blick bezeichnen konnte – trafen sich. Augenblicke vergingen und Titus konnte sich nicht abwenden.
„Dies ist die siebte Legion Viscera. Sie wurde bestraft für ihr Versagen in den nördlichen Grenzländern. Ihr Rückzug wurde mit dem Tode und dem ewigen Dienst am Imperium gesühnt.“
Unwillkürlich glitt seine Hand an seine Brust, an jenen Ort der Rüstung unter der sein Seelenstein ruhte.
„Glaubt Ihr wirklich, dass er Euch schützt?“ Der junge Legionär nickte in Richtung ebenjener Stelle. „Was hilft es Euch, nicht in den Hadon einzugehen, nicht von den Göttern in der Ewigkeit geknechtet zu werden, wenn Ihr stattdessen in dieser Welt Sklave sein müsst?“
Warnend blickte Titus sein Gegenüber an. Sein Flüstern war fest und schneidend: „Bist du wahnsinnig, Junge! Sprich solche Worte niemals aus – erst recht nicht in meiner Gegenwart.“ Er blickte sich misstrauisch um.
„Der Seelenstein schützt meine Freiheit. Wenn ich einmal in Ehre sterben werde, werden die anmaßenden Götter der Barbaren meiner Seele nicht habhaft. Meine Familie wird meinen Geist ehren und er wird frei sein.“ Beinahe väterlich besah er sich den jungen Mann. „Wie ist dein Name, Junge? Und wie alt bist du?“
„Claudius, Herr! Claudius Lucius Severus! Und ich werde morgen meinen achtzehnten Geburtstag begehen.“
„Ich bin Titus Aurelian Marcus Sedulus. Ein Jahr noch, dann habe ich meine zwanzigjährige Dienstzeit beendet. Also Claudius, lass dir von einem alten Legionär zwei gute Ratschläge geben: Erstens, sprich niemals schlecht über das Imperium, denn du weißt nie, wer mithört! Und zweitens, lass dich nicht von den Göttern verführen! Wir bringen den Völkern dieser Welt Weisheit, Mündigkeit und Freiheit. Die Asrae sind schwächliche Wesen, Claudius, die unrechtmäßig die Herrschaft über unsere Seelen begehren. Aber wir brennen die Sklavenmoral aus den Völkern Ghorns wie den Brand aus einer Wunde.“
Sein Blick hatte sich unwillkürlich wieder in jene rhythmische Trance des Marsches begeben. Glaubte er sich diese Worte denn selbst? Gewiss, er wusste, dass der Glaube an die Asrae, dass ihre Verehrung der Freiheit Feind war. Doch er hatte zu viele Kriege gefochten, zu viele Menschen sterben sehen, zu viel Leid in den befreiten Regionen, um die Mission der Legionen im Herzen zu tragen. Aber er wusste auch, dass jedes andere Wort ein unrühmliches Ende bedeuten konnte. Und ganz gewiss würde der junge Claudius in der Legion glücklicher werden, wenn er wenigstens einige Jahre glauben konnte, seinen Feinden die Freiheit und nicht bloß Tod und Unterdrückung zu bringen.

Die mortanischen Legionen hatten die Schlucht von Tygamon bald vollzählig betreten. Wie ein nicht enden wollender Wurm schlängelten sie sich durch den engen Passweg. Agyion besah sich die Eindringlinge hoch aus den Wolken und ein bitterer Geschmack erfüllte seinen Mund. Sie wähnten sich in Sicherheit, weil ihre Späher im Gebirge nichts Auffälliges angetroffen hatten. Und sie waren verwundbar dort unten. Doch es waren viel mehr als erwartet und seine Truppen waren nicht zahlreich genug. Dennoch musste es hier getan werden – hier und jetzt. Es gab kein Zurück.
Er gab ein kurzes Signal an den Anführer der ephemerischen Truppen. Ohne ein Geräusch gab dieser Befehl und die Pegasi und Blauen Albatrosse senkten sich aus den lichten Wolken nieder. Sie landeten auf dem Bergkamm über der Schlucht und Agyion und seine Krieger saßen ab. Nur ein kurzes Wort des Dankes konnte er an die Ephemerer wenden, da stiegen sie bereits wieder in die Lüfte auf. Niemand wollte heute an diesem Ort verweilen.
„Alles gefechtsbereit machen!“ Agyions Worte waren kaum mehr als geflüstert, doch seine Mannen folgten in bedingungsloser Disziplin. Die vorbereiteten Felsbrocken wurden binnen weniger Augenblicke präpariert, die Bögen und Pfeile bereit gemacht.
Dann knieten die fünfzig Krieger wie auf einen stummen Befehl hin nieder und falteten die Hände zum Gebet. Kein Wort wurde gesprochen, doch jeder wusste, dass ihre Gebete sie vereinten: Ihr Wunsch, diesen Tag zu überleben und Darica Ehre zu bereiten. Die Gedanken an die Familie, die sie zurückgelassen hatten. Und die Bitte, die heiligen Hallen der Asrae mit Stolz betreten zu dürfen. Für einen Augenblick schloss Agyion die Augen und ließ sein Gebet in sich verhallen. Ein Augenblick so erhebend und emotional wie die Lieder der alten Dichter. Dann erhob er sich – und mit ihm neunundvierzig bronzen gerüstete Krieger aus Darica und Damesia. Er griff zu seinem Bogen, legte einen Pfeil auf und gab dem Trommler das Signal.

Sie waren früh aufgebrochen an diesem Tag und der Gleichschritt der marschierenden Legionen hatte Titus bereits seit Stunden mit jener gefühllosen Trance erfüllt. Heiß brannte die Sonne durch einen leichten Wolkenschleier auf den schroffen Fels nieder. Der junge Claudius, dem er heute zu seinem achtzehnten Geburtstag einen Teil seines wertvollen Vorrats gebrannten Weines geschenkt hatte, lief wieder neben ihm. Er schwieg.
Zuerst bemerkten sie es kaum. Es war wie ein fehlerhafter Schritt im Rhythmus der Legionen. Dann lichtete sich die Trance und der fremde Klang dröhnte ahnungsvoll in den Köpfen. Er hallte von den steilen Berghängen wider. Trommelschlag! Entgeistert riss Titus den Blick in die Höhe. Auf dem Bergkamm zur Rechten reflektierten Rüstungen das Sonnenlicht. Dann schlugen die ersten Pfeile ein. Ein Legionär unmittelbar vor ihnen brach blutend zusammen. Panik kam auf.
„Bleib an meiner Seite, Junge!“ Titus kniete nieder und löste seinen Schild vom Rucksack.
Befehle wurden gebrüllt und das Heer nur mühsam in Formation gebracht. Allein die Legion der Toten hatte bereits binnen weniger Herzschläge die Flanke gesichert. Ein Wall untoter Legionäre schützte die Flanke und hatte seine Schilde erhoben.
Eine zweite Pfeilsalve hagelte auf das Heer nieder.
Es waren nur wenige Dutzend Pfeile. Eine Falle vielleicht? Titus Gedanken rasten.
„Legio Concordiae, Centuriae Septem bis Duodecem in geschlossener Formation hangaufwärts vorrücken!“ Einheiten setzen sich in Bewegung. Diesen Hang zu erklimmen, würde unzählige Opfer fordern.
„Centuriae tres bis quinque vorrücken im Tal! Die Übrigen nachrücken in Schildkrötenformation!“
Titus und Claudius hoben ihre Schilde über die Köpfe und reihten sich ein. Aus den Augenwinkeln konnte sie die gewaltigen Felsbrocken sehen, die den Hang herunter rasten. Die vorrückenden Legionäre wurden zerquetscht und stieben mit den Felsbrocken in die Formation im Tal.
Agyion war zufrieden. Seine List war erfolgreich. Er blickte in Richtung des Endes der Schlucht. Schemenhaft konnte er erkennen, dass die Phalanx in Position war und den Ausbruch der Mortaner verhinderte.
„Signal an die Hügeloger!“, rief er dem Trommler zu. Dieser änderte den Rhythmus und sogleich erschienen auf der gegenüberliegenden Hügelkuppe die grobschlächtigen Barbaren aus den Bergen. Geschleuderte Felsen trafen die um Formation ringenden Mortaner.
Agyion gab Befehl für eine weitere Pfeilsalve.

Die Mortaner waren zu zahlreich, um sie zu besiegen. Aber der heutige Tag sollte den Asrae zum Ruhm gereichen. Viele der blasphemischen Heiden würde heute ihren Tod finden. Und wenn die Könige von Darica keine Narren waren, würden sie das mortanische Schrumpfheer zermalmen, wenn es weiter nach Osten vordringen sollte. Mit einer solchen Schlacht konnte er vor die Götter treten – seiner Vorfahren würdig.
Titus und Claudius rückten mit ihrer Einheit gegen die Phalanx vor, die den Ausgang der Schlucht versperrte. In seinen Gedanken berührte Titus noch einmal den Seelenstein an seiner Brust. Niemals würde er ein Sklave der Götter werden. Frei auch im Tode! Neunzehn Jahre lang hatte er in der Legion gedient. Er dachte an seine Frau, mit der er im kommenden Jahr den Ruhestand genießen hätte können. Dann fiel vor ihm ein Legionär. Es war an ihm nachzurücken.

Es war ein heißer Tag, dieser dreiundvierzigste Tag des Ashkar im Jahre 2953 nach dem Zweiten Pakt. Es war ein blutiger Tag. Es war der achtzehnte Geburtstag des Claudius Lucius Severus. Es war ein guter Tag zu sterben.
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09-22-2017 07:48 AM
Post: #2
RE: Kurzgeschichten und Co.



Raoul Offline
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Gut geschrieben und sehr stimmungsvoll. Volle Puntzahl. Smile

Smashing empires of man is a moral duty
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09-22-2017 07:53 AM
Post: #3
RE: Kurzgeschichten und Co.



Björn Offline
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Alle paar Tage schau ich, ob es hier was neues gibt.
Ist viel zu selten der Fall. Deine Kurzgeschichte gefällt mir, danke fürs teilen.
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09-22-2017 10:59 AM
Post: #4
RE: Kurzgeschichten und Co.



arnadil Offline
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Gerne und danke euch beiden! Dann versuche ich mal am Ball zu bleiben und ab und an Kleinigkeiten hier zu posten.
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09-24-2017 08:30 PM
Post: #5
RE: Kurzgeschichten und Co.



spy Offline
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Tolle Geschichte!

Ich freue mich schon auf weitere "Kleinigkeiten" von dir. Smile
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09-29-2017 12:12 PM
Post: #6
RE: Kurzgeschichten und Co.



CplHicks Offline
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Wir warten auf den KS, damit das Ganze wieder Schwung bekommt.
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10-11-2017 01:05 PM
Post: #7
RE: Kurzgeschichten und Co.



arnadil Offline
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Die Legende der Alkaia - Teil 1

Erneut zuckte das Schwert nach vorne, zerteilte die zähe, heiße Luft wie ein Blitz und drängte die Kreatur tiefer in die gewundenen Gänge. Ein giftiges Zischen entrann ihrer Kehle.
„Bei Alexandra, Gezücht der Finsternis, du kannst deinem Tod nicht entkommen am heutigen Tag.“ Alkaia setzte dem Biest vorsichtig in die Dunkelheit nach. Sie hörte das Blut in ihren Ohren pulsieren. Ihr Atem schien an den schwarzen, feuchten Wänden der Höhle widerzuhallen. Das spärliche Licht ihrer magischen Gemme kämpfte gegen die widernatürlichen Schatten dieses Ortes. Es erleuchtete die unzähligen Vertiefungen und Kavernen des Ganges, während die Kriegerin achtsam an ihnen vorbeiging, und es spiegelte sich auf ihrem Bronzepanzer.
Seit Stunden kämpfte sie sich nun bereits ihren Weg in die Tiefe dieses unterirdischen Labyrinths. Das schwarze Blut zahlloser Dämonen, jener verdorbenen Geister, welche diesen Ort bewachten, klebte an ihrer Klinge und tropfte auf den kalten Stein des Pfades in die Dunkelheit.
Für einen kurzen Augenblick schweiften Alkaias Gedanken ab, zu jenem Morgen vor bald einem Monat, als sie vor die Orakelpriesterin des Alexandratempels getreten war und verkündet hatte, dass sie eine Queste annehmen wolle, um Eingang nach Asraedia, in die Welt der Götter zu erhalten. „Kind“, hatte die alte Priesterin ihr gesagt, „du bist eine große Heldin und unsere beste Kämpferin, aber du stammst nicht von den Göttern ab. Dein Weg zum heiligen Portal wird schwerer und gefährlicher selbst als jene Pfade, die du aus unseren Epen kennst.“
Ein Gefühl von Trotz erfasste Alkaia. Niemand in ihrer Heimat glaubte an ihren Erfolg. Doch sie hörte ihn in sich, den Ruf der Götter. Sie wusste, dass genau dieser Weg in die Kälte, Tiefe und Dunkelheit dieser Höhle ihr vorherbestimmt war.
Der Angriff erfolgte urplötzlich. Nur für Herzschläge war sie nicht auf ihre Aufgabe konzentriert gewesen, als die beiden Dämonen aus den Schatten sprangen. Die giftigen Klauen des einen wehrte Alkaia gedankenschnell mit der hochgerissenen Klinge ab. Am Rücken jedoch spürte sie den Schmerz, als sich eine Kralle um ihren bronzenen Brustpanzer herum in ihre Seite bohrte. Sie wirbelte herum, mit dem Ellenbogen traf sie den Dämon vor ihr und stieß ihn beiseite. Dann durchtrennte ihr Schwert den Hals des hinterhältigen Wesens in ihrem Rücken. Leblos fiel es zu Boden. Noch bevor der andere Dämon sich von ihrem Schlag erholt hatte, stand sie bereits wieder über ihm. Das bösartige Leuchten in seinen Augen erlosch und hüllte den Gang erneut in Finsternis.
Alkaia spürte keinen Schmerz, nur das Pulsieren des Blutes in ihrer rechten Seite. Aber sie wusste, dass das Gift ihrer Gegner sich zu ihrem Herzen fressen würde. Fester legte sich ihr Griff um das Schwert und trotzig schritt sie tiefer in die Höhle. Im Stillen sandte sie ein Gebet zu Alexandra, dass sie ihr ein Ende schenken würde, das ehrenhafter war als dieses.

Sie hatte das Gefühl verloren, wie lange sie bereits durch das Labyrinth wanderte. In das Herz des Berges vorzudringen, so lautete ihr Orakelspruch. Hier sollte sie ihr Schicksal finden. Es fröstelte Alkaia, als ihr der Gedanke kam, dass das Orakel niemals von einer Gottesqueste, sondern von ihrem Tod gesprochen hatte. Ihre Schritte waren in den letzten Stunden schwerer geworden und ein stechender Schmerz durchzog ihre rechte Körperhälfte. Sie sehnte sich nach dem warmen Licht der pancephalischen Sonne, von dem sie wusste, dass es die dämonische Wunde heilen konnte. Doch umzukehren hieße, ihre Queste zu beenden und mit der Schmach einer Niederlage zurückzukehren. Eher würde sie dem Schicksal hier entgegentreten und sich ihren Weg durch die Unterwelt kämpfen, als in Schande zu den ihrigen zurückkehren.
Vor ihr weitete sich der Gang und ein kränkliches grünes Licht gab den Blick auf einen Felsendom frei. Tief in Alkaia regte sich erneut der Ruf, jene Gewissheit, die sie leitete und ihr sagte, dass sie für diese Queste bestimmt war: Dies war der Ort. Dies war das Herz des Berges.
Alkaia presste ihren Körper an die Wand des Ganges und schlich langsam vorwärts. In dem Raum konnte sie Statuen sehen. Drei kämpfende Recken, meisterhaft wie leibhaftige Menschen aus dem Stein geschlagen. Trotz des unbeweglichen Steins konnte man ihre Bewegungen geradezu spüren. Ein leises Zischen drang an ihr Ohr. Nein, viele Zischen. Wie von tausend Schlangen… und Alkaia schwante eine böse Ahnung. Mit aller Vorsicht hielt sie ihr Schwert vor sich und versuchte in der schwachen grünlichen Reflexion auf der Klinge etwas zu erkennen. Sie konnte eine Bewegung in der Höhle ausmachen. Vor ihren Augen formte sich ein verschwommenes Bild: eine Gestalt, vermutlich eine Frauengestalt. Ein scharfer Schmerz durchzuckte Alkaias Augen, als sie die Haare der Gestalt erblickte – die Schlangen, die wie Haare aus dem Kopf der Medusa herauszüngelten.
„Dies ist mein Haus, Eindringling. Also tritt aus den Schatten wie ein ehrbarer Mann und stelle dich mir vor.“ Die Stimme der Frau klang lieblich und verführerisch.
„Du sprichst mit einer ehrbaren Frau, Orakelgeist, jedoch nicht mit einer närrischen. Du beschmutzt das Wort der Ehre, solange du in dieser Gestalt auf mich wartest. Verlass den Körper der Medusa und weise mir den Weg meiner Queste – dann trete ich dir gerne gegenüber.“ Im Spiegel ihres Schwertes konnte Alkaia die Bewegungen der Medusa beobachten. Sie näherte sie nicht.
Die Stimme des Geistes brach sich und wechselte zwischen der lieblichen hohen Stimme der Medusa und einem tiefen Knurren. „Aber meine Liebe, eure Götter wären wahrlich fade, wenn deine Queste so einfach wäre. Nein, meine Teuerste, das Spiel will gespielt werden.“
„Du wirst dieses Spiel nicht überleben, Geist. Ein guter Spieler weiß, wann er aufgeben sollte.“ Ein Schmerz durchzuckte Alkaia, als sie mit der freien Hand begann die Riemen ihres Brustpanzers zu lösen.
„Du bist verwundet, Spielerin.“, höhnte der Orakelgeist, „Deine Spielzeit verrinnt wie Sand in den wackligen Fingern eines alten Mannes. Ich warte auf dich.“
Alkaia konnte sehen, wie sich die Medusa auf einem kleinen Thron niederließ. Bei jedem Blick auf die Schlangen schmerzten ihre Augen, von der durch die Spiegelung geschwächten Magie der versteinernden Blicke getroffen. Das Wesen hatte recht. Viel Zeit blieb ihr nicht. Sie atmete einmal tief durch und schickte ein Stoßgebet zu Alexandra und den anderen Asrae.
Dann schleuderte sie ihren Brustpanzer in den Raum und stürmte vorwärts. Ihr blickt heftete sich allein auf die Spiegelung auf dem Brustpanzer. Rechts wurde links und links wurde rechts. Ihre Intuitionen konnten die Bewegung der Medusa kaum erfassen. Und der stechende Schmerz bohrte sich immer mehr durch ihre Augen in ihren Kopf.
Die Medusa war spielerisch zur Seite gewichen. Alkaia hob den Brustpanzer auf und warf ihn erneut in die Richtung des Monsters. Laut hallte sein Aufprall von den Wänden des Felsendoms zurück. Doch bevor sie loslaufen konnte, ließ ein Krampf an ihrer rechten Seite sie zusammenzucken. Als sie sich besonnen hatte, war die Medusa längst erneut aus der Reichweite des Brustpanzers geflohen. Langsam und schmerzverzerrt hob Alkaia diesen erneut auf.
„Bist du bereit, deinem Schicksal zu begegnen, meine Liebste? Du spielst gut, aber die letzten Körner entrinnen deinen Händen.“ Die Stimme des Orakelgeistes überschlug sich vor Aufregung.
Mit einem lauten Schrei schleuderte Alkaia den Brustpanzer ein weiteres Mal und rannte los. Sie sah die Bewegung der Medusa im bronzenen Spiegel, ahnte sie vorher. Sie schloss die Augen und sprang. Ihr Schwert vollführte einen Bogen in der Luft. Dann stieß es auf einen Widerstand – und der Schrei einer weiblichen Stimme erfüllte die Höhle. Als Alkaia aufstand lag der tote Medusenkörper neben ihr. Sie schloss die Augen erneut und konzentrierte sich darauf, allein ihr Schwert zu beobachten. Dann suchte sie nach dem Kopf der Medusa und deckte diesen mit einem Stück ihrer Kleidung ab und hob ihn auf.

„Gut gespielt, Gottquesterin!“, hörte sie die tiefe Stimme des Orakelgeistes. Und nun konnte sie ihn auch sehen: ein handgroßer Homunkulus eines buckligen, entstellten Menschen. Sie spürte erneut den Schmerz in ihrer Seite und Wut flammte in ihr auf. Sie trat auf den Geist zu.
„Du elende Kreatur, ich werde dein missgestaltetes Wesen vom Antlitz dieser Welt tilgen.“
„Nein, nein, nein, nein, nein!“ Das kleine Männchen schürzte die Lippen und wedelte besserwisserisch mit seinem Zeigefinger in der Luft. „Ohne Orakel kein Orakelspruch.“
Alkaia hielt inne. Sie würde ihren Orakelspruch erhalten. Aber hatte sie noch die Kraft, diesen Ort zu verlassen und das Sonnenlicht zu erreichen. Was brachte ihr der Orakelspruch, wenn er das letzte war, das sie hören würde.
„Und selbst dann“, antwortete der Orakelgeist, obgleich sie sich sicher war, die Frage nicht laut ausgesprochen zu haben, „selbst dann würdest du die Antwort wissen wollen. Nicht wahr? Die Antwort darauf, ob du eine Chance gehabt hättest, ob du eine Göttin hättest werden können.“
Alkaia schwieg, aber sie wusste, dass der Geist recht hatte.
„Ich kann dir all diese Antworten geben, Spielerin. Ich fordere nur mein Leben im Gegenzug.“
Alkaia wischte sich den Schweiß von der Stirne, den die Schmerzen immer mehr hervortreten ließen. Ihr Kopf war heiß wie die Öfen in der Schmiede ihrer Mutter. Mit einem matten Nicken steckte sie ihr Schwert ein.
„Eine Quest ist zwölf und Zwölfe werden eins. Ein langer Pfad, wenn du werden willst, was vielleicht du werden wirst. Viele Opfer wirst du bringen, viele sterben sehen. Wenn du diesem Ruf nicht folgst, wirst du Kinder haben und einen schönen Mann. Andernfalls wirst du dich vielleicht des Kreises der Götter für würdig erweisen. Beginnen wird der Pfad im fernen Annyrion. Sammle treue Krieger um dich und tief im Wald suche die Pfade ins Nirgendwo. Von dort folge dem Pfad in den hohen Norden zum Tempel am Riesenschlund, der Feuer spuckt. Hier wartet die zweite Herausforderung auf dich und hier wird dir der weitere Weg gewiesen.“
Übermannt vom Fieber brach Alkaia zusammen.
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