Kurzgeschichten und Co.
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Kurzgeschichten und Co.
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10-11-2017 01:05 PM
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RE: Kurzgeschichten und Co.



arnadil Offline
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Die Legende der Alkaia - Teil 1

Erneut zuckte das Schwert nach vorne, zerteilte die zähe, heiße Luft wie ein Blitz und drängte die Kreatur tiefer in die gewundenen Gänge. Ein giftiges Zischen entrann ihrer Kehle.
„Bei Alexandra, Gezücht der Finsternis, du kannst deinem Tod nicht entkommen am heutigen Tag.“ Alkaia setzte dem Biest vorsichtig in die Dunkelheit nach. Sie hörte das Blut in ihren Ohren pulsieren. Ihr Atem schien an den schwarzen, feuchten Wänden der Höhle widerzuhallen. Das spärliche Licht ihrer magischen Gemme kämpfte gegen die widernatürlichen Schatten dieses Ortes. Es erleuchtete die unzähligen Vertiefungen und Kavernen des Ganges, während die Kriegerin achtsam an ihnen vorbeiging, und es spiegelte sich auf ihrem Bronzepanzer.
Seit Stunden kämpfte sie sich nun bereits ihren Weg in die Tiefe dieses unterirdischen Labyrinths. Das schwarze Blut zahlloser Dämonen, jener verdorbenen Geister, welche diesen Ort bewachten, klebte an ihrer Klinge und tropfte auf den kalten Stein des Pfades in die Dunkelheit.
Für einen kurzen Augenblick schweiften Alkaias Gedanken ab, zu jenem Morgen vor bald einem Monat, als sie vor die Orakelpriesterin des Alexandratempels getreten war und verkündet hatte, dass sie eine Queste annehmen wolle, um Eingang nach Asraedia, in die Welt der Götter zu erhalten. „Kind“, hatte die alte Priesterin ihr gesagt, „du bist eine große Heldin und unsere beste Kämpferin, aber du stammst nicht von den Göttern ab. Dein Weg zum heiligen Portal wird schwerer und gefährlicher selbst als jene Pfade, die du aus unseren Epen kennst.“
Ein Gefühl von Trotz erfasste Alkaia. Niemand in ihrer Heimat glaubte an ihren Erfolg. Doch sie hörte ihn in sich, den Ruf der Götter. Sie wusste, dass genau dieser Weg in die Kälte, Tiefe und Dunkelheit dieser Höhle ihr vorherbestimmt war.
Der Angriff erfolgte urplötzlich. Nur für Herzschläge war sie nicht auf ihre Aufgabe konzentriert gewesen, als die beiden Dämonen aus den Schatten sprangen. Die giftigen Klauen des einen wehrte Alkaia gedankenschnell mit der hochgerissenen Klinge ab. Am Rücken jedoch spürte sie den Schmerz, als sich eine Kralle um ihren bronzenen Brustpanzer herum in ihre Seite bohrte. Sie wirbelte herum, mit dem Ellenbogen traf sie den Dämon vor ihr und stieß ihn beiseite. Dann durchtrennte ihr Schwert den Hals des hinterhältigen Wesens in ihrem Rücken. Leblos fiel es zu Boden. Noch bevor der andere Dämon sich von ihrem Schlag erholt hatte, stand sie bereits wieder über ihm. Das bösartige Leuchten in seinen Augen erlosch und hüllte den Gang erneut in Finsternis.
Alkaia spürte keinen Schmerz, nur das Pulsieren des Blutes in ihrer rechten Seite. Aber sie wusste, dass das Gift ihrer Gegner sich zu ihrem Herzen fressen würde. Fester legte sich ihr Griff um das Schwert und trotzig schritt sie tiefer in die Höhle. Im Stillen sandte sie ein Gebet zu Alexandra, dass sie ihr ein Ende schenken würde, das ehrenhafter war als dieses.

Sie hatte das Gefühl verloren, wie lange sie bereits durch das Labyrinth wanderte. In das Herz des Berges vorzudringen, so lautete ihr Orakelspruch. Hier sollte sie ihr Schicksal finden. Es fröstelte Alkaia, als ihr der Gedanke kam, dass das Orakel niemals von einer Gottesqueste, sondern von ihrem Tod gesprochen hatte. Ihre Schritte waren in den letzten Stunden schwerer geworden und ein stechender Schmerz durchzog ihre rechte Körperhälfte. Sie sehnte sich nach dem warmen Licht der pancephalischen Sonne, von dem sie wusste, dass es die dämonische Wunde heilen konnte. Doch umzukehren hieße, ihre Queste zu beenden und mit der Schmach einer Niederlage zurückzukehren. Eher würde sie dem Schicksal hier entgegentreten und sich ihren Weg durch die Unterwelt kämpfen, als in Schande zu den ihrigen zurückkehren.
Vor ihr weitete sich der Gang und ein kränkliches grünes Licht gab den Blick auf einen Felsendom frei. Tief in Alkaia regte sich erneut der Ruf, jene Gewissheit, die sie leitete und ihr sagte, dass sie für diese Queste bestimmt war: Dies war der Ort. Dies war das Herz des Berges.
Alkaia presste ihren Körper an die Wand des Ganges und schlich langsam vorwärts. In dem Raum konnte sie Statuen sehen. Drei kämpfende Recken, meisterhaft wie leibhaftige Menschen aus dem Stein geschlagen. Trotz des unbeweglichen Steins konnte man ihre Bewegungen geradezu spüren. Ein leises Zischen drang an ihr Ohr. Nein, viele Zischen. Wie von tausend Schlangen… und Alkaia schwante eine böse Ahnung. Mit aller Vorsicht hielt sie ihr Schwert vor sich und versuchte in der schwachen grünlichen Reflexion auf der Klinge etwas zu erkennen. Sie konnte eine Bewegung in der Höhle ausmachen. Vor ihren Augen formte sich ein verschwommenes Bild: eine Gestalt, vermutlich eine Frauengestalt. Ein scharfer Schmerz durchzuckte Alkaias Augen, als sie die Haare der Gestalt erblickte – die Schlangen, die wie Haare aus dem Kopf der Medusa herauszüngelten.
„Dies ist mein Haus, Eindringling. Also tritt aus den Schatten wie ein ehrbarer Mann und stelle dich mir vor.“ Die Stimme der Frau klang lieblich und verführerisch.
„Du sprichst mit einer ehrbaren Frau, Orakelgeist, jedoch nicht mit einer närrischen. Du beschmutzt das Wort der Ehre, solange du in dieser Gestalt auf mich wartest. Verlass den Körper der Medusa und weise mir den Weg meiner Queste – dann trete ich dir gerne gegenüber.“ Im Spiegel ihres Schwertes konnte Alkaia die Bewegungen der Medusa beobachten. Sie näherte sie nicht.
Die Stimme des Geistes brach sich und wechselte zwischen der lieblichen hohen Stimme der Medusa und einem tiefen Knurren. „Aber meine Liebe, eure Götter wären wahrlich fade, wenn deine Queste so einfach wäre. Nein, meine Teuerste, das Spiel will gespielt werden.“
„Du wirst dieses Spiel nicht überleben, Geist. Ein guter Spieler weiß, wann er aufgeben sollte.“ Ein Schmerz durchzuckte Alkaia, als sie mit der freien Hand begann die Riemen ihres Brustpanzers zu lösen.
„Du bist verwundet, Spielerin.“, höhnte der Orakelgeist, „Deine Spielzeit verrinnt wie Sand in den wackligen Fingern eines alten Mannes. Ich warte auf dich.“
Alkaia konnte sehen, wie sich die Medusa auf einem kleinen Thron niederließ. Bei jedem Blick auf die Schlangen schmerzten ihre Augen, von der durch die Spiegelung geschwächten Magie der versteinernden Blicke getroffen. Das Wesen hatte recht. Viel Zeit blieb ihr nicht. Sie atmete einmal tief durch und schickte ein Stoßgebet zu Alexandra und den anderen Asrae.
Dann schleuderte sie ihren Brustpanzer in den Raum und stürmte vorwärts. Ihr blickt heftete sich allein auf die Spiegelung auf dem Brustpanzer. Rechts wurde links und links wurde rechts. Ihre Intuitionen konnten die Bewegung der Medusa kaum erfassen. Und der stechende Schmerz bohrte sich immer mehr durch ihre Augen in ihren Kopf.
Die Medusa war spielerisch zur Seite gewichen. Alkaia hob den Brustpanzer auf und warf ihn erneut in die Richtung des Monsters. Laut hallte sein Aufprall von den Wänden des Felsendoms zurück. Doch bevor sie loslaufen konnte, ließ ein Krampf an ihrer rechten Seite sie zusammenzucken. Als sie sich besonnen hatte, war die Medusa längst erneut aus der Reichweite des Brustpanzers geflohen. Langsam und schmerzverzerrt hob Alkaia diesen erneut auf.
„Bist du bereit, deinem Schicksal zu begegnen, meine Liebste? Du spielst gut, aber die letzten Körner entrinnen deinen Händen.“ Die Stimme des Orakelgeistes überschlug sich vor Aufregung.
Mit einem lauten Schrei schleuderte Alkaia den Brustpanzer ein weiteres Mal und rannte los. Sie sah die Bewegung der Medusa im bronzenen Spiegel, ahnte sie vorher. Sie schloss die Augen und sprang. Ihr Schwert vollführte einen Bogen in der Luft. Dann stieß es auf einen Widerstand – und der Schrei einer weiblichen Stimme erfüllte die Höhle. Als Alkaia aufstand lag der tote Medusenkörper neben ihr. Sie schloss die Augen erneut und konzentrierte sich darauf, allein ihr Schwert zu beobachten. Dann suchte sie nach dem Kopf der Medusa und deckte diesen mit einem Stück ihrer Kleidung ab und hob ihn auf.

„Gut gespielt, Gottquesterin!“, hörte sie die tiefe Stimme des Orakelgeistes. Und nun konnte sie ihn auch sehen: ein handgroßer Homunkulus eines buckligen, entstellten Menschen. Sie spürte erneut den Schmerz in ihrer Seite und Wut flammte in ihr auf. Sie trat auf den Geist zu.
„Du elende Kreatur, ich werde dein missgestaltetes Wesen vom Antlitz dieser Welt tilgen.“
„Nein, nein, nein, nein, nein!“ Das kleine Männchen schürzte die Lippen und wedelte besserwisserisch mit seinem Zeigefinger in der Luft. „Ohne Orakel kein Orakelspruch.“
Alkaia hielt inne. Sie würde ihren Orakelspruch erhalten. Aber hatte sie noch die Kraft, diesen Ort zu verlassen und das Sonnenlicht zu erreichen. Was brachte ihr der Orakelspruch, wenn er das letzte war, das sie hören würde.
„Und selbst dann“, antwortete der Orakelgeist, obgleich sie sich sicher war, die Frage nicht laut ausgesprochen zu haben, „selbst dann würdest du die Antwort wissen wollen. Nicht wahr? Die Antwort darauf, ob du eine Chance gehabt hättest, ob du eine Göttin hättest werden können.“
Alkaia schwieg, aber sie wusste, dass der Geist recht hatte.
„Ich kann dir all diese Antworten geben, Spielerin. Ich fordere nur mein Leben im Gegenzug.“
Alkaia wischte sich den Schweiß von der Stirne, den die Schmerzen immer mehr hervortreten ließen. Ihr Kopf war heiß wie die Öfen in der Schmiede ihrer Mutter. Mit einem matten Nicken steckte sie ihr Schwert ein.
„Eine Quest ist zwölf und Zwölfe werden eins. Ein langer Pfad, wenn du werden willst, was vielleicht du werden wirst. Viele Opfer wirst du bringen, viele sterben sehen. Wenn du diesem Ruf nicht folgst, wirst du Kinder haben und einen schönen Mann. Andernfalls wirst du dich vielleicht des Kreises der Götter für würdig erweisen. Beginnen wird der Pfad im fernen Annyrion. Sammle treue Krieger um dich und tief im Wald suche die Pfade ins Nirgendwo. Von dort folge dem Pfad in den hohen Norden zum Tempel am Riesenschlund, der Feuer spuckt. Hier wartet die zweite Herausforderung auf dich und hier wird dir der weitere Weg gewiesen.“
Übermannt vom Fieber brach Alkaia zusammen.
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